12.09.10 14:43 Uhr

 

Was alte Menschen in den Tod treibt

Letzter Ausweg Selbstmord

Quelle: BAGSO-Nachrichten 2009 / 04

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Ausdruck

Einsamkeit als zentrale Ursache für das wenig beachtete Phänomen des Selbstmordes im Alter - das ist die Erkenntnis, die Frau Prof. Dr. Swientek aus ihrer eingehenden Betrachtung dieses Themas gewinnt. Lesen Sie mehr über diese traurige Tatsache und über mögliche Alternativen der Hilfe ...

BAGSO: Frau Professorin Swientek,nach mehreren Büchern, die sich – sehr Mut machend und aufbauend – mit dem Altern und dem Alter beschäftigen,greift Ihr neuestes Buch die Tatsache auf, dass die Anzahl alter Menschen,die sich das Leben nehmen, im Vergleich zu ihrem Bevölkerungsanteil sehr hoch ist: Von den 9.765 Menschen, die 2006 durch Selbsttötung starben, waren 4.158 über 60 Jahre alt – und das sind nur die bekannt gewordenen Fälle. Was hat Sie dazu bewogen, sich dieses Themas anzunehmen?

Prof. Swientek: Mit meinem Buch „Mit 40 depressiv, mit 70 um die Welt“ habe ich vor rund 20 Jahren einen Boom ausgelöst, das Alter einmal jenseits von Resignation, Gebrechlichkeit und Tristesse zu betrachten. Inzwischen gibt es viele Bücher, die geradezu euphorisch das Alter feiern. Man könnte den Eindruck bekommen, dass es sich über 60 erst zu leben lohnt und das Leben ab 70 noch alle Chancen bereithält. Ich bin Realistin. Diese Euphorie kann leicht dazu führen, dass sich Tausende alter Menschen fragen, wieso gerade an ihnen diese Schönheiten des Alters vorbeigehen. Ich sehe diese Schönheiten durchaus– aber ich sehe auch die andere Seite: die Einsamkeit und die Verzweiflung. Es nützt uns nichts, von einem-Extrem ins andere zu fallen! Da der Selbstmord bei Alten ein eher verdrängtes Thema ist, war mir eine differenzierte Betrachtung wichtig. Dabei geht es mir nicht nur um die individuelle Not des Einzelnen, sondern auch um die sozialpolitische Dimension des Themas.

Sie schreiben: „Für alte Menschen beginnt es, in unserer Gesellschaft eng zu werden“. In der Art und Weise, wie über alte Menschen in der Öffentlichkeit und in den Medien gesprochen wird – „Der Wert alter Menschen wird in der Nähe des Nullpunktes diskutiert, außer wenn jemand plötzlich ihre Wirtschaftskraft entdeckt“ –, sehen Sie den Humus für den „altruistischen Selbstmord“. Was ist es, das alte Menschen dazu bringt, in der Selbsttötung den letzten Ausweg zu sehen?

Bei meinen Recherchen hat mich entsetzt, mit welcher Gleichgültigkeit die Selbsttötung alter Menschen behandelt wird. Sie wird billigend in Kaufgenommen, wenn nicht sogar vom alten Menschen erwartet. Neben den altersbedingten Belastungen ist es diese Einstellung mit all ihren Auswüchsen, die Alte in den Tod treibt: die unsägliche Rentenerhöhungsdiskussion, die fehlerhaften Darstellungen der Rentenmisere, die angebliche Zukunftsangst der Jungen, weil die Alten ihnen alles wegnehmen. Es entsteht eine Atmosphäre, nach der nur ein toter Rentner ein guter Rentner ist. Wer sich dieser Stimmung nicht entziehen kann, ist gefährdet. Ein Erfahrungssatz der Selbstmordarbeit lautet: „Es bringt sich niemand um, dem nicht ein anderer den Tod wünscht.“ Alten wird er von vielen Seiten – mehr oder weniger deutlich – gewünscht. Der „altruistische Selbstmord“ ist nichts anderes als die Erwartung oder Aufforderung, sich selbst umzubringen, damit die Gesellschaft entlastet wird.

Die wesentlichen Komponenten der Selbstmordgefährdung sind für Sie: Behinderung, Angst (vor Demenz, vor Gewalt, vor dem Heim), Einsamkeit, Schmerzen, Schlafstörungen, Armut, Depressionen.

Ich habe diese Komponenten in ihrer Bedeutung für alte Menschen beschrieben und aufgezeigt, dass eine Summierung der Probleme gleichzeitig eine Potenzierung bedeutet. Jedes Element einzeln lässt sich ertragen– und begleitet viele Menschen unabhängig vom Alter ihr Leben lang. Aber mit zunehmendem Alter und abnehmenden Lebens- und Sozialchancen-kann jedes dieser Probleme, die teilweise ja auch unlösbar sind, dazu führen, das Leben resignierend zu beschließen. Das Leitproblem ist aber die Einsamkeit. Mit anderen Menschen gemeinsam lassen sich viele Einschränkungen besser ertragen und die einschränkenden Komponenten lassen die Situation nicht eskalieren.

In der Regel sind es Konfliktkrisen, die in den Selbstmord führen. Bei älteren Menschen scheinen jedoch Identitätskrisen von größerer Bedeutung zu sein.

Für ältere Menschen – insbesondere in der nachberuflichen Phase – entsteht eine andersgeartete Krisenlandschaft. Natürlich haben sie Konflikte wie Menschen aller anderen Altersstufen auch. Möglicherweise sind diese schwieriger zu lösen, weil die Alternativen im Alter abnehmen. Schwerwiegender aber scheinen mir die Identitätskrisen zu sein. Wenn die Antwort auf die Frage: „Wer bin ich noch?“ nach jahrzehntelanger Berufs- und Familienarbeit zum „ein Niemand, ein Nichts“ tendiert, ist eine Krise kaum abzuwenden. Trifft sie zeitlich und emotional mit einer zwischenmenschlichen Konfliktkrise zusammen, in der niemand zur Seite steht, kann das der Beginn einer Katastrophe sein.

Sie zeigen auf, dass ältere Menschen im Vergleich zu jüngeren oft „harte Methoden“ der Selbsttötung wählen. Was ist damit gemeint und wo sehen Sie die Ursachen?

Ältere Menschen, die eine Selbsttötung planen, sind sich in der Regel ihrer Sache sicher: Sie wollen so nicht mehr weiterleben. Damit ihr Vorhaben „gelingt“, entscheiden sie sich für „tod-sichere“, also „harte“ Methoden. Jüngere Menschen sind oft unentschieden und senden mit ihrem Verhalten Hilferufe aus. Sie wählen „weiche“ Methoden, die ein Rückholen bzw. Ab-brechen ermöglichen. Alte Menschen sind oft so resigniert, dass sie keine Hilfe von außen mehr erhoffen oder erwarten – wenngleich viele von ihnen gern weiterleben würden, aber unter anderen Bedingungen.

Für Sie ist die zentrale Frage: „Mit welcher und mit wessen Hilfe kann der Mensch aus der Situation aussteigen, damit er nicht aus dem Leben aussteigen muss?“ Was bedeutet das für diejenigen, die mit alten Menschen arbeiten, und was für die Senioren-Organisationen?

Wenn man sich immer wieder ins Bewusstsein ruft, dass das Leitsymptom des Altenselbstmordes die Einsamkeit ist, ergibt sich daraus die Forderung nach mehr Achtsamkeit untereinander, nach mehr Hilfsbereitschaft, tätiger Solidarität und Geduld – und nach gezielten niedrigschwelligen Angeboten, die zu Gemeinsamkeiten einladen. Die Solidarität unter älteren Menschen lässt oft zu wünschen übrig. Der Kampf um die eigene Bedeutung steht vielfach im Mittelpunkt. Seniorenorganisationen haben vielfältige Möglichkeiten. In erster Linie scheint es mir existenziell, dass sie spontan auf jede Diskriminierung alter Menschen reagieren. Sie können beitragen zu einer – auch emotionalen– Solidarisierung untereinander. Immerhin sind „Alte“ mit ihren rund 20 Millionen keine Randgruppe mehr. Und sie sollten sich insbesondere um den Heimbereich intensiv kümmern mit konstruktiven Vorschlägen – auch zu einer Finanzierbarkeit bei hohem professionellem Standard. Eine enge Zusammenarbeit mit den Medien halte ich für unerlässlich, vor allem, wenn es um das Bild geht, das von alten Menschen vermittelt wird. Es gibt sehr viele unterschiedliche Möglichkeiten, Menschen aus der suizidalen Gefahrenzone zu holen –oder besser: sie erst gar nicht hineinrutschen zu lassen.

Das Gespräch mit Prof. Dr. Christine Swientek führte BAGSO-Pressereferentin Ursula Lenz.
Aus: BAGSO-Nachrichten 04/2009 S.8f

Die vollständige Ausgabe der BAGSO-Nachrichten 04 / 2009 finden Sie hier.

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Das Buch von Christine Swientek erschien als Taschenbuch im Herder-Verlag:
Letyter Ausweg Selbstmord
ISBN-10: 3451299798
ISBN-13: 978-3451299797

 

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