01.11.11 20:46 Uhr

 

Steinzeitpark, Dithmarschen

Das Geheimnis der Großsteingräber

Quelle: bfs

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Ausdruck

Leben und Tod 3000 vor Christus: Der Steinzeitpark Dithmarschen entführt in die Vergangenheit und zeigt das älteste Haus Schleswig-Holsteins

bfs – Es duftet nach Heu und durch das Reetdach des bäuerlichen Langhauses blitzen die Sterne. In ein paar Stunden wird die Sonne aufgehen und ein harter Arbeitstag bricht an: Ein Berg von Wolle wartet in der Ecke darauf, versponnen zu werden, in der Vorratsgrube liegt Korn, das gemahlen werden muss. Und die Fleischbeilage zum Abendessen muss auch noch ein Familienmitglied mit Pfeil und Bogen erlegen.
Ob die Menschen in der Jungsteinzeit häufig sorgenvoll unter dem Dach ihres Langhauses eingeschlafen sind, wissen wir heute nicht. Aber wie beschwerlich das Leben der ersten Ackerbauern und Viehzüchter Norddeutschlands vor 5000 Jahren war, können Besucher des Steinzeitparks Dithmarschen bis heute nacherleben. Auf 40 Hektar finden sich dort neun gut erhaltene archäologische Grabdenkmäler aus der Jungsteinzeit. Ringsum lässt der Park eine längst vergangene Zeit wiederauferstehen und erklärt die Besiedelungsgeschichte der Region.
Dicke Holzpfosten tragen die Dächer der Dorfhäuser aus Reet oder Gras. Nur eine Wand aus Flechtwerk und Lehm schützt die Hausbewohner vor Wind, Wetter und den neugierigen Blicken der Nachbarn. Im kühlen Innenraum des Hauses lädt eine Bank aus Lehm zum Verweilen ein, eine Malerei ziert die nackte Wand – Details, die archäologisch belegt sind. Um die Häuser im Steinzeitdorf so originalgetreu wie möglich zu gestalten, orientierten sich die Gründer an wissenschaftlichen Forschungsergebnissen.
So findet sich im Dorf auch die erste Nachbildung des ältesten bisher bekannten Hauses in Schleswig-Holstein. Das bäuerliche Langhaus wurde in Zusammenarbeit mit der Universität Kiel in Anlehnung an eine Ausgrabung erbaut und umfasst acht mal 18 Meter. Vor rund 5500 Jahren lebten hier bis zu 20 Menschen unter einem Dach. „Das erstaunliche an diesen Forschungsergebnissen ist, dass man von den ersten Siedlern eher kleinere Häuser erwarten würde. Aber die Häuser waren von Anfang an sehr groß“, erläutert Dr. Rüdiger Kelm, Geschäftsführer des Steinzeitparks Dithmarschen.
Hart knallen die Mühlsteine aufeinander. Granit schlägt auf Granit und lässt zwischen zwei flachen Steinen anstelle von Körnern nur Mehlstaub zurück – die Grundlage für einen Teig. Eine Gruppe von Schülern formt ihn begeistert zu Fladenbroten. Langsam werden die Brote auf dem Lehmkuppelofen in der Ecke braun, das Feuer knistert.
„Unsere Stärke ist, dass man bei uns nicht nur anschauen darf, sondern auch anfassen und mitmachen“, erklärt Dr. Kelm. Brotbacken, Leder bearbeiten, Feuer machen und Bogenschießen – nicht nur Kinder sondern auch Erwachsene dürfen hierbei anpacken. Einige der Häuser im Dorf sind komplett eingerichtet wie in der Steinzeit, inklusive Feuerstelle zum Kochen. In anderen Häusern wiederum finden sich Ausstellungsräume, in denen archäologische Funde der Region erläutert werden. Die wohl faszinierendsten Zeugnisse der längst vergangenen Zeit sind die Großsteingräber und Grabhügel, die sich auf dem Gelände befinden. Auch ihr Geheimnis wird im einzigen überwiegend archäologischen Museum an Schleswig-Holsteins Westküste gelüftet.

Wie schafften es die Menschen damals, die tonnenschweren Steine zu transportieren? Der schwerste Findling ganz Schleswig-Holsteins findet sich in der Nähe des Steinzeitdorfs: Ein 23 Tonnen schwerer Stein bildet die Dachplatte einer beeindruckenden Grabstätte. Der neun Meter umfassende Findling ist also schwerer als vier Elefanten. Bestattet wurden in den Großsteingräbern nicht etwa einzelne besonders hochgestellte Persönlichkeiten des Dorfs. „Vielmehr waren sie die letzte Ruhestätte für hundert und mehr Verstorbene aus einer Sippe, die nach und nach in die Gräber gelegt wurde“, so Dr. Kelm. Um so ein Sippengrab zu schaffen, nahmen die Menschen damals extreme Anstrengungen auf sich. Sie bewegten die Steine nach dem derzeitigen Stand der Forschung, indem Holzstecken untergelegt wurden. Mit Hilfe von Ochsen wurden die tonnenschweren Brocken dann zu der richtigen Stelle transportiert. Aus mehreren Steinen wurden dann Grabkammern zusammengefügt, die meist 3 mal 4 Meter umfassen. Im Anschluss wurde ein Grabhügel ringsum aufgeschüttet. Allein im Steinzeitdorf liegen neun Grabstätten. Es sind bis heute erhaltene Zeugnisse der Geschicklichkeit der Menschen vor Tausenden von Jahren.